Leb wohl, meine Königin! (2012)

29. Juli 2012 § 0 Kommentare

Leb wohl, meine Königin!Es soll ja immer noch etwas Besonderes sein, eine Drehgenehmigung in Versailles zu bekom­men, aber nach­dem die Pariser Behörden 2006 schon der Amerikanerin Sofia Coppola die Tore des Schlosses geöff­net hat­ten, konn­ten sie einen alten Hasen des fran­zö­si­schen Kinos wie Benoît Jacquot natür­lich schlecht vor der Tür ste­hen las­sen — noch dazu, wenn der mit fast dem glei­chen Thema daher­kommt. In Leb wohl, meine Königin! geht es ein­mal mehr um die noto­ri­sche Marie Antoinette, die aller­dings dies­mal nicht die zen­trale Rolle spielt.

Die kommt näm­lich dies­mal eher den unte­ren Chargen in der Hackordnung des fran­zö­si­schen Hofes zu, und zwar vor allem in Person der könig­li­chen Vorleserin Sidonie Laborde (Léa Seydoux), der wir als Zuschauer durch die all­ge­meine Verwirrung in den Tagen nach dem Sturm auf die Bastille fol­gen. Marie Antoinette, gespielt von Diane Kruger, ist dabei nur ein wie­der­keh­ren­der Bezugspunkt für die Hauptfigur; dem Film geht es aber weni­ger um die Königin als um ihr Umfeld, das gerade noch ein streng regle­men­tier­ter und sehr auf Etikette bedach­ter, aber im Grunde völ­lig deka­den­ter Sündenpfuhl war, um sich inner­halb weni­ger Stunden in einen auf­ge­schauch­ten Hühnerhaufen verwandelt.

Die Kamera folgt Sidonie fast durch­ge­hend, zeigt sie oft in Großaufnahme oder blickt ihr über die Schulter, wäh­rend sie durch die Gänge von Versailles eilt, um Botengänge für die Königin zu unter­neh­men oder her­aus­zu­fin­den, was da in Paris eigent­lich pas­siert ist und was es für die Monarchie und das Leben der Höflinge bedeu­tet. Darin näm­lich erschöpft sich prak­tisch auch schon die Handlung des Films, der seine Spannung vor allem aus der Beziehung Sidonies zu Marie Antoinette gewinnt. Die Vorleserin ver­ehrt die Königin bis zur Selbstaufgabe, hat aber auf­grund ihrer nied­ri­gen Stellung nur wenig Zugang zu ihr. Im Lauf der Zeit scheint sie ihr etwas näher zu kom­men, wird aber auch immer wie­der ent­täuscht. Diese emo­tio­nale Achterbahnfahrt ist es vor allem, die Leb wohl, meine Königin! inter­es­sant macht, vor allem dank des wun­der­ba­ren Spiels von Léa Seydoux.

Es ver­steht sich von selbst, dass aus der Perspektive einer unbe­deu­ten­den Dienerin nicht Zeuge der ganz gro­ßen his­to­ri­schen Ereignisse wer­den kann. Wir sehen ab und zu den König, wer­den Zeuge, wie die ers­ten hoch­ran­gi­gen Adligen die Flucht antre­ten,  und hören — mit Sidonie an einem Eingang lau­schend — kurz in die Debatten der Nationalversammlung hin­ein, die ja im Juli 1789 schon seit eini­ger Zeit in Versailles tagte. Aber das zen­trale his­to­ri­sche Thema des Films ist die Beziehung zwi­schen Marie Antoinette und ihrer Favoritin, der Herzogin von Polignac (Virginie Ledoyen).

Die Polignac war eine der unbe­lieb­te­ren Figuren am Hof Ludwigs XVI. und sicher­lich einer der Gründe für das zeit­ge­nös­sisch schlechte Image der Königin selbst. Seit sie 1775 an den Hof gekom­men war, nutzte sie ihre Beziehungen, um ihrer Familie Vorteile zu ver­schaf­fen, was ihr die Abneigung der adli­gen Höflinge ein­trug, und lebte in äußers­tem Luxus, wodurch sie sich den Hass des gemei­nen Volkes zuzog. Für Marie Antoinette, die ent­wur­zelte öster­rei­chi­sche Prinzessin, war sie aber eine der wich­tigs­ten Bezugspersonen — bis hin zu dem Punkt, dass ihr in Pamphleten eine les­bi­sche Liebesbeziehung mit der Herzogin unter­stellt wurde, und das ist es auch, was in Leb wohl, meine Königin! ange­deu­tet wird.

Damit begibt sich der Film natür­lich auf recht dün­nes Eis. Ich habe ja bei der Besprechung von Sofia Coppolas Marie Antoinette schon dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nicht ein­mal die gerne unter­stellte Beziehung zwi­schen der Königin und dem schwe­di­schen Grafen Axel von Fersen auch nur im Geringsten als gesi­chert gel­ten kann, also kann ich natür­lich jetzt kaum diese Spekulation durch­ge­hen las­sen, die sich auf nichts wei­ter grün­det als auf bos­hafte Gerüchte und damit noch weit­aus wacke­li­ger daher­kommt als die Affäre mit Fersen. Möglich ist frei­lich alles in sol­chen Fragen, denn sexu­elle Intimitäten, die nach dem Geschmack der Zeit als mora­lisch zwei­fel­haft gel­ten, fin­den logi­scher­weise meist im Verborgenen statt und sind daher sel­ten gut doku­men­tiert. Aber die Wahrscheinlichkeit ist doch eher gering.

Andererseits muss man Benoît Jacquot auch zugute hal­ten, dass er die les­bi­sche Liebe zwi­schen Marie Antoinette und ihrer Hofdame kei­nes­wegs expli­zit macht, und die Küsschen und Umarmungen, die man tat­säch­lich auf der Leinwand sieht, könnte man auch als nor­ma­len Bestandteil einer lang­jäh­ri­gen, engen Freundschaft inter­pre­tie­ren. So harm­los inter­pre­tiert, blei­ben vom his­to­ri­schen Inhalt von Leb wohl, meine Königin! natür­lich prak­tisch nur noch die inter­es­san­ten Einblicke in das höfi­sche Leben, deren kon­kre­ten Wahrheitsgehalt man ohne ein­ge­hen­dere Recherchen schwer ein­schät­zen kann. Aber unab­hän­gig davon bleibt der Film als fein insze­nier­tes und groß­ar­tig gespiel­tes Stück durch­aus sehenswert.

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