
Die kommt nämlich diesmal eher den unteren Chargen in der Hackordnung des französischen Hofes zu, und zwar vor allem in Person der königlichen Vorleserin Sidonie Laborde (Léa Seydoux), der wir als Zuschauer durch die allgemeine Verwirrung in den Tagen nach dem Sturm auf die Bastille folgen. Marie Antoinette, gespielt von Diane Kruger, ist dabei nur ein wiederkehrender Bezugspunkt für die Hauptfigur; dem Film geht es aber weniger um die Königin als um ihr Umfeld, das gerade noch ein streng reglementierter und sehr auf Etikette bedachter, aber im Grunde völlig dekadenter Sündenpfuhl war, um sich innerhalb weniger Stunden in einen aufgeschauchten Hühnerhaufen verwandelt.
Die Kamera folgt Sidonie fast durchgehend, zeigt sie oft in Großaufnahme oder blickt ihr über die Schulter, während sie durch die Gänge von Versailles eilt, um Botengänge für die Königin zu unternehmen oder herauszufinden, was da in Paris eigentlich passiert ist und was es für die Monarchie und das Leben der Höflinge bedeutet. Darin nämlich erschöpft sich praktisch auch schon die Handlung des Films, der seine Spannung vor allem aus der Beziehung Sidonies zu Marie Antoinette gewinnt. Die Vorleserin verehrt die Königin bis zur Selbstaufgabe, hat aber aufgrund ihrer niedrigen Stellung nur wenig Zugang zu ihr. Im Lauf der Zeit scheint sie ihr etwas näher zu kommen, wird aber auch immer wieder enttäuscht. Diese emotionale Achterbahnfahrt ist es vor allem, die Leb wohl, meine Königin! interessant macht, vor allem dank des wunderbaren Spiels von Léa Seydoux.
Es versteht sich von selbst, dass aus der Perspektive einer unbedeutenden Dienerin nicht Zeuge der ganz großen historischen Ereignisse werden kann. Wir sehen ab und zu den König, werden Zeuge, wie die ersten hochrangigen Adligen die Flucht antreten, und hören — mit Sidonie an einem Eingang lauschend — kurz in die Debatten der Nationalversammlung hinein, die ja im Juli 1789 schon seit einiger Zeit in Versailles tagte. Aber das zentrale historische Thema des Films ist die Beziehung zwischen Marie Antoinette und ihrer Favoritin, der Herzogin von Polignac (Virginie Ledoyen).
Die Polignac war eine der unbeliebteren Figuren am Hof Ludwigs XVI. und sicherlich einer der Gründe für das zeitgenössisch schlechte Image der Königin selbst. Seit sie 1775 an den Hof gekommen war, nutzte sie ihre Beziehungen, um ihrer Familie Vorteile zu verschaffen, was ihr die Abneigung der adligen Höflinge eintrug, und lebte in äußerstem Luxus, wodurch sie sich den Hass des gemeinen Volkes zuzog. Für Marie Antoinette, die entwurzelte österreichische Prinzessin, war sie aber eine der wichtigsten Bezugspersonen — bis hin zu dem Punkt, dass ihr in Pamphleten eine lesbische Liebesbeziehung mit der Herzogin unterstellt wurde, und das ist es auch, was in Leb wohl, meine Königin! angedeutet wird.
Damit begibt sich der Film natürlich auf recht dünnes Eis. Ich habe ja bei der Besprechung von Sofia Coppolas Marie Antoinette schon darauf hingewiesen, dass nicht einmal die gerne unterstellte Beziehung zwischen der Königin und dem schwedischen Grafen Axel von Fersen auch nur im Geringsten als gesichert gelten kann, also kann ich natürlich jetzt kaum diese Spekulation durchgehen lassen, die sich auf nichts weiter gründet als auf boshafte Gerüchte und damit noch weitaus wackeliger daherkommt als die Affäre mit Fersen. Möglich ist freilich alles in solchen Fragen, denn sexuelle Intimitäten, die nach dem Geschmack der Zeit als moralisch zweifelhaft gelten, finden logischerweise meist im Verborgenen statt und sind daher selten gut dokumentiert. Aber die Wahrscheinlichkeit ist doch eher gering.
Andererseits muss man Benoît Jacquot auch zugute halten, dass er die lesbische Liebe zwischen Marie Antoinette und ihrer Hofdame keineswegs explizit macht, und die Küsschen und Umarmungen, die man tatsächlich auf der Leinwand sieht, könnte man auch als normalen Bestandteil einer langjährigen, engen Freundschaft interpretieren. So harmlos interpretiert, bleiben vom historischen Inhalt von Leb wohl, meine Königin! natürlich praktisch nur noch die interessanten Einblicke in das höfische Leben, deren konkreten Wahrheitsgehalt man ohne eingehendere Recherchen schwer einschätzen kann. Aber unabhängig davon bleibt der Film als fein inszeniertes und großartig gespieltes Stück durchaus sehenswert.
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