Black Gold (2011)

19. Februar 2012 § 0 Kommentare

Black GoldMan kann wohl sagen, dass Jean-Jacques Annaud eine gewisse Vorliebe für his­to­ri­sche Stoffe hat, und man kann wohl auch sagen, dass er ganz gut damit umge­hen kann: Produktionen wie Der Name der Rose, Der Liebhaber und Sieben Jahre in Tibet machen sich ziem­lich gut neben­ein­an­der in der Filmografie, selbst wenn man sowieso schon einer der euro­päi­schen Spitzenregisseure ist. Mit Black Gold führt er uns jetzt auf die ara­bi­sche Halbinsel der drei­ßi­ger Jahre, wo der begin­nende Erdölboom kurz davor steht, die Gesellschaft umzukrempeln.

Während frei­lich die einen die Veränderungen mit offe­nen Armen begrü­ßen und die Chance sehen, Arabien durch den neuen Wohlstand in eine bes­sere Zukunft zu füh­ren, sehen die ande­ren Religion und Tradition in Gefahr und wol­len die Prospektoren aus dem Westen am liebs­ten umge­hend wie­der aus der Wüste hin­aus­schi­cken. Diese bei­den kon­trä­ren Positionen ver­kör­pern in Black Gold Antonio Banderas als Emir Nesib und Mark Strong als Sultan Amar. Zwischen ihnen steht, in der Hauptrolle des Auda ibn Amar, Tahar Ramin. Als Sohn des einen, der als Geisel beim ande­ren auf­ge­wach­sen ist, zieht er gegen sei­nen Willen in den Krieg — nicht nur gegen sei­nen Ziehvater, son­dern auch gegen die Wüste…

Der Film basiert auf dem Roman Der schwarze Durst von Hans Ruesch aus dem Jahr 1957 (übri­gens ein ech­ter Pageturner ist und drin­gend zu emp­feh­len, sofern man ihn noch irgendwo anti­qua­risch bekom­men kann), inter­pre­tiert ihn aber nicht völ­lig skla­visch und ver­passt ihm unter ande­rem viel kino­ge­rech­te­res Ende. Aus Sicht eines Historikers ist das aber kein Problem, denn bei Ruesch ist ja auch schon alles frei erfun­den: Weder die Fürstentümer „Hobeika“ und „Salmaah“ noch ihre jewei­li­gen Führer haben jemals exis­tiert, und der dar­ge­stellte Konflikt scheint auch keine ver­schlüs­selte Version eines rea­len Krieges zwi­schen irgend­wel­chen ara­bi­schen Führern zu sein, soweit ich das erken­nen kann.

Als his­to­ri­sche Darstellung kann der Film unter die­sen Umständen noch punk­ten, indem er das täg­li­che Leben der Wüstenbewohner in den 30er Jahren rea­lis­tisch dar­stellt, was ich nicht beur­tei­len kann, was aber ange­sichts umfang­rei­chen ara­bi­schen Beteiligung an der Produktion nicht unwahr­schein­lich ist. Oder natür­lich, indem er einen wich­ti­gen Konflikt gewis­ser­ma­ßen exem­pla­risch auf­ar­bei­tet. Das ist aller­dings ein Schwachpunkt, denn wie es aus­sieht, gab es anfangs gar keine Konflikte um die Nutzung des ara­bi­schen Öls. Zumindest keine groß­flä­chi­gen und gewalt­tä­ti­gen. Es mag durch­aus sein, dass die islamisch-pietistischen Argumente, die Sultan Amar in Black Gold gegen eine Zusammenarbeit mit den west­li­chen Konzernen vor­bringt, auch in der Realität eine gewisse Rolle gespielt haben, aber letzt­lich haben alle isla­mi­schen Führer auf der ara­bi­schen Halbinsel das getan, was auch Emir Nesib tut: Sie haben den Ölreich­tum benutzt, um die Lebensqualität ihrer Völker zu stei­gern, Schulen und Krankenhäuser zu bauen, und selbst­ver­ständ­lich auch um ihre eigene Macht zu sichern. Über irgend eine Form bewaff­ne­ten Widerstands, den sie dabei über­win­den hät­ten müs­sen, finde ich zumin­dest nichts.

Das könnte natür­lich auch an mir lie­gen oder an den Kollegen, die sich über­haupt noch recht wenig mit den kul­tu­rel­len Auswirkungen des Ölbooms beschäf­tigt zu haben schei­nen. Wesentlich wahr­schein­li­cher ist aber, dass die tra­di­tio­na­lis­ti­schen Truppen Amars eine Reflexion auf heu­tige Kräfte in der isla­mi­schen Welt dar­stel­len, die den Westen am liebs­ten wie­der zum Teufel jagen wür­den. Hier posi­tio­niert sich Annaud klar auf der Seite der Moderne — übri­gens im Gegensatz zu dem viel neu­tra­le­ren Ruesch, der aber in den 1950er auch noch nichts von islamisch-fundamentalistischem Terrorismus wis­sen konnte.

So dient der teu­erste Film, der jemals mit ara­bi­schem Geld pro­du­ziert wurde, wohl einer­seits dazu, den Europäern die ara­bi­sche Denkweise näher zu brin­gen und die Araber mit ihrer Hinwendung zum Westen zu ver­söh­nen, wäh­rend ihn die tat­säch­li­che Historie nicht so sehr inter­es­siert. Als Unterhaltungsprodukt ist er jeden­falls ziem­lich gelun­gen, was aller­dings auch zu erwar­ten war ange­sichts der Routine Annauds und der hoch­ka­rä­tige Besetzung. Ein paar Längen mögen übrig­ge­blie­ben sein beim end­lo­sen Zug Audas durch die Wüste, aber ansons­ten herrscht Spannung von der ers­ten bis zur letz­ten Minute, kom­bi­niert mit groß­ar­ti­gen Bildern und über­zeu­gen­dem Spiel. Vor allem der junge Tahar Ramin ver­kör­pert die unwahr­schein­li­che Wandlung vom Bücherwurm zum Feldherrn sehr sou­ve­rän und spielt dabei aus­ge­rech­net Antonio Banderas ziem­lich an die Wand, der womög­lich nur als Kassenmagnet ver­pflich­tet wurde und durch­ge­hend ein klei­nes biss­chen unter­for­dert und unter­mo­ti­viert wirkt.

Black Gold ist sicher nicht das größte Meisterwerk Jean-Jacques Annauds gewor­den, aber sein Eintrittsgeld ist er auf alle Fälle wert. Und es besteht immer­hin die Chance, dass man im Kino gleich noch ein biss­chen was über die ara­bi­sche Kultur und Mentaltät lernt.

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