
Während freilich die einen die Veränderungen mit offenen Armen begrüßen und die Chance sehen, Arabien durch den neuen Wohlstand in eine bessere Zukunft zu führen, sehen die anderen Religion und Tradition in Gefahr und wollen die Prospektoren aus dem Westen am liebsten umgehend wieder aus der Wüste hinausschicken. Diese beiden konträren Positionen verkörpern in Black Gold Antonio Banderas als Emir Nesib und Mark Strong als Sultan Amar. Zwischen ihnen steht, in der Hauptrolle des Auda ibn Amar, Tahar Ramin. Als Sohn des einen, der als Geisel beim anderen aufgewachsen ist, zieht er gegen seinen Willen in den Krieg — nicht nur gegen seinen Ziehvater, sondern auch gegen die Wüste…
Der Film basiert auf dem Roman Der schwarze Durst von Hans Ruesch aus dem Jahr 1957 (übrigens ein echter Pageturner ist und dringend zu empfehlen, sofern man ihn noch irgendwo antiquarisch bekommen kann), interpretiert ihn aber nicht völlig sklavisch und verpasst ihm unter anderem viel kinogerechteres Ende. Aus Sicht eines Historikers ist das aber kein Problem, denn bei Ruesch ist ja auch schon alles frei erfunden: Weder die Fürstentümer „Hobeika“ und „Salmaah“ noch ihre jeweiligen Führer haben jemals existiert, und der dargestellte Konflikt scheint auch keine verschlüsselte Version eines realen Krieges zwischen irgendwelchen arabischen Führern zu sein, soweit ich das erkennen kann.
Als historische Darstellung kann der Film unter diesen Umständen noch punkten, indem er das tägliche Leben der Wüstenbewohner in den 30er Jahren realistisch darstellt, was ich nicht beurteilen kann, was aber angesichts umfangreichen arabischen Beteiligung an der Produktion nicht unwahrscheinlich ist. Oder natürlich, indem er einen wichtigen Konflikt gewissermaßen exemplarisch aufarbeitet. Das ist allerdings ein Schwachpunkt, denn wie es aussieht, gab es anfangs gar keine Konflikte um die Nutzung des arabischen Öls. Zumindest keine großflächigen und gewalttätigen. Es mag durchaus sein, dass die islamisch-pietistischen Argumente, die Sultan Amar in Black Gold gegen eine Zusammenarbeit mit den westlichen Konzernen vorbringt, auch in der Realität eine gewisse Rolle gespielt haben, aber letztlich haben alle islamischen Führer auf der arabischen Halbinsel das getan, was auch Emir Nesib tut: Sie haben den Ölreichtum benutzt, um die Lebensqualität ihrer Völker zu steigern, Schulen und Krankenhäuser zu bauen, und selbstverständlich auch um ihre eigene Macht zu sichern. Über irgend eine Form bewaffneten Widerstands, den sie dabei überwinden hätten müssen, finde ich zumindest nichts.
Das könnte natürlich auch an mir liegen oder an den Kollegen, die sich überhaupt noch recht wenig mit den kulturellen Auswirkungen des Ölbooms beschäftigt zu haben scheinen. Wesentlich wahrscheinlicher ist aber, dass die traditionalistischen Truppen Amars eine Reflexion auf heutige Kräfte in der islamischen Welt darstellen, die den Westen am liebsten wieder zum Teufel jagen würden. Hier positioniert sich Annaud klar auf der Seite der Moderne — übrigens im Gegensatz zu dem viel neutraleren Ruesch, der aber in den 1950er auch noch nichts von islamisch-fundamentalistischem Terrorismus wissen konnte.
So dient der teuerste Film, der jemals mit arabischem Geld produziert wurde, wohl einerseits dazu, den Europäern die arabische Denkweise näher zu bringen und die Araber mit ihrer Hinwendung zum Westen zu versöhnen, während ihn die tatsächliche Historie nicht so sehr interessiert. Als Unterhaltungsprodukt ist er jedenfalls ziemlich gelungen, was allerdings auch zu erwarten war angesichts der Routine Annauds und der hochkarätige Besetzung. Ein paar Längen mögen übriggeblieben sein beim endlosen Zug Audas durch die Wüste, aber ansonsten herrscht Spannung von der ersten bis zur letzten Minute, kombiniert mit großartigen Bildern und überzeugendem Spiel. Vor allem der junge Tahar Ramin verkörpert die unwahrscheinliche Wandlung vom Bücherwurm zum Feldherrn sehr souverän und spielt dabei ausgerechnet Antonio Banderas ziemlich an die Wand, der womöglich nur als Kassenmagnet verpflichtet wurde und durchgehend ein kleines bisschen unterfordert und untermotiviert wirkt.
Black Gold ist sicher nicht das größte Meisterwerk Jean-Jacques Annauds geworden, aber sein Eintrittsgeld ist er auf alle Fälle wert. Und es besteht immerhin die Chance, dass man im Kino gleich noch ein bisschen was über die arabische Kultur und Mentaltät lernt.
Hinterlasse eine Antwort
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.
